Very British!

WINDSBACH (8. November 2018). Wenn ein Lehrer Gänsehaut bekommt, dann wird das nicht selten daran liegen, dass der Schüler die gestellte Frage schlecht beantwortet oder die Aufgabe miserabel löst. Im Fall von Stewart Emerson war das Gegenteil der Fall: Als gebürtiger Engländer und Professor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin hatte er die reizvolle Aufgabe, den Windsbachern für die kommenden Aufführungen des „Messiah“ von Georg Friedrich Händel die richtige Diktion der englischen Originalsprache näher zu bringen. Drei Tage war er hierfür vor Ort. Und vom Chorklang so begeistert, dass er sich im Interview tatsächlich an wohlige Gänsehautmomente erinnert. Wir unterhielten uns mit Prof. Emerson über das, was er den Jungs vermittelt hat:
 
Herr Prof. Emerson, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Windsbacher Knabenchor?
 
Als Mentor und Freund von Alexander Rebetge war ich natürlich daran interessiert, seine Arbeit in der Stimmbildung und Chorvorbereitung in Windsbach zu erleben. In der Woche vor dem Tag der offenen Tür am 10. März hatte ich bei Alexander und den anderen Stimmbildner sowie bei den großen Proben hospitieren dürfen. Und im Laufe dieser Proben kam das Gespräch auch auf die damals anstehende Einstudierung des „Messiah“. Da habe ich Martin Lehmann ganz spontan angeboten, diese Arbeit sprachlich zu unterstützen.
 
Kannten Sie den Chor zuvor eigentlich schon?
 
Ich durfte die Windsbacher schon mal mit Bachs Weihnachtsoratoriums in der Berliner Philharmonie erleben. Und bei einer Motette in Nürnberg Anfang Dezember 2017.
 
Ihr Auftrag war nun, die Windsbacher für die richtige Aussprache des englischen Textes im „Messiah“ zu coachen. Was sollten Chorsänger denn ganz grundsätzlich hier beachten?
 
Englisch ist eine sehr wortmalerische Sprache. Sie hat viele Diphthonge. Die Behandlung der Konsonanten ist, wie übrigens auch in der deutschen Sprache, entscheidend für das Textverständnis: Die Endkonsonanten im Englischen werden generell mehr betont als im Deutschen. Insbesondere der flache Vokal a – wie zum Beispiel im englischen Wort „and“ – ist problematisch, denn solche Vokale sind für das Singen suboptimal. Hier gilt es, eine singbare Version zu finden. Man kann sie mehr walisisch rund denken, mehr wie bei einem „Ah“. Man hört aber leider sehr oft für das Wort „and“ die Aussprache „änd“ oder „end“ – der Big Mäc lässt grüßen! Auch „Lord“, also „Herr“, sollte man möglichst nicht als „Lard“ aussprechen, denn das bedeutet im Englischen Nierenfett. Was zu Missverständnissen führen könnte…
 
Wie haben Sie den Jungs denn diese Inhalte im Einzelnen vermittelt?
 
Martin Lehmann hat die Proben geleitet und ich durfte meinen Senf dazu geben. Da wurde häufig auf einem Ton im Rhythmus gesprochen. Ich habe versucht vom Sprachduktus auszugehen und das Ganze durch Vokalausgleich erstmal im Legato fließen zu lassen. Ich denke, das ist die beste Voraussetzung – egal, ob man später bei der Aufführung das dann genau so oder etwas anders artikulieren möchte. Wir haben auch Wortspiele gemacht. Also zum Beispiel den Satz „Since by man came death“ als „Sin-spy-ma-nca-medeath“ ausgesprochen, um das geradezu unheimliche Pianissimo im Chor präsent zu halten und klanglich zu unterstützen – das sorgt nämlich dafür, dass die Vokale auch lang und die Konsonanten kurz sind.
 
Warum ist die richtige Aussprache eigentlich so wichtig? Welchen Anteil hat das am Gesamtklang der Musik?
 
Abgesehen von wenigen Ausnahmen fängt fast jeder Komponist mit dem Text an. Wenn er dem Publikum einen Inhalt vermitteln bringen möchte und nicht nur mit Klangwallungen und Effekten berauschen will, nutzt er einen erkennbaren Sprachduktus, damit jede Phrase energetisch gezielt gesungen werden kann. Je langsamer das Tempo, desto schwerer ist es, das Ziel vor Augen zu behalten. Und es ist natürlich ungleich schwerer, diesen Duktus in einer Fremdsprache zu finden als in der eigenen Muttersprache. Das zu schaffen war Ziel unserer Arbeit.
 
Stellt der „Messiah“ hier eigentlich besondere Anforderungen an die Sänger?
 
Händel ist vielleicht theatralischer angelegt als Bach, stellt aber ähnliche technische und musikalische Herausforderungen. Der Chor hat viele Koloraturen zu singen, die Einsätze sind oft exponiert und es wird eine sehr große Flexibilität von den Sängern verlangt. Das Werk ist also sehr anspruchsvoll!
 
Wie haben Sie den Chor während dieser drei Tage erlebt? Wie haben die Jungs mitgearbeitet?
 
Die Proben haben mir großen Spaß gemacht. Erstens, weil die Differenziertheit in Dynamik und Artikulation, mit der Martin Lehmann an die verschiedenen Schichten der vier Chorlinien geht, sehr lebendig ist. Dafür braucht er natürlich Zeit, in er mit diesem Chor daran arbeiten kann – und man kann hier schon sagen: darf. Das ist nicht selbstverständlich. Es war sehr aufregend, diese Musik, die ich so gut kenne, so zu hören. Und es gab mehrere Gänsehautmomente. Die Jungs haben sehr schnell und dann ziemlich konsequent auf die Anregungen reagiert. Ich hoffe sehr, dass das, was wir hier erarbeitet haben, erhalten bleibt und in den weiteren Proben und Aufführungen dann noch verstärkt werden kann.
 
Sie selbst sind Brite und kommen somit aus der Heimat berühmter Knabenchöre. Was ist in Ihren Augen das Besondere an dieser Ensemblegattung?
 
Der Klang eines Knabenchors ist einmalig: seine Klarheit und Lebendigkeit.
 
Werden Sie sich auch eine „Messiah“-Aufführung der Windsbacher anhören können?
 
Ich habe fest eingeplant in Eindhoven dabei zu sein und freue mich schon riesig darauf!
 
Herr Prof. Emerson, vielen Dank für das Gespräch. Wir werden in Nürnberg im Publikum sitzen und sind sehr gespannt auf die Früchte ihrer gemeinsamen Arbeit.
 
[Foto: Oliver Elsner]