Bachs Himmelfahrtsoratorium

WINDSBACH (9. April 2018). Traditionell am Feiertag Christi Himmelfahrt lädt man in Windsbach zum Internatsfest ein – heuer am 10. Mai: Chor und Studienheim öffnen ihre Türen und verleben bei hoffentlich schönem Wetter einen gemeinsamen Frühlingstag mit Spiel, Spaß und natürlich viel Musik. Johann Sebastian Bach hat sich dieses Feiertags in seinem Himmelfahtsoratorium (BWV 11) angenommen, das der Knabenchor im Sommer zusammen mit anderen Werken des Thomaskantors zur Aufführung bringt.

Johann Sebastian Bach war ein tiefgläubiger Mensch und signierte seine kirchenmusikalischen Werke meist auch mit den Worten „Soli Deo Gloria“, zu Deutsch: Allein Gott zur Ehre. Die christliche Botschaft inspirierte ihn zu rund 200 überlieferten Kirchenkantaten, Hunderten von Chorälen sowie oratorischen Werken, darunter das Weihnachtsoratorium sowie die Passionen nach den Evangelien des Johannes (1724), Matthäus (1727) und Markus (1731). Bereits 1725 hatte Bach mit dem Oster-Oratorium ein weiteres biblisches Geschehen aus dem Leben Jesu in Musik gefasst, wobei er hier im Gegensatz zu seinen Passionen nicht auf einen wortgetreuen Evangelien-Text, sondern auf Verse zurückgriff, die vermutlich aus der Feder seines wichtigsten Librettisten Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) stammten. Beim 1735 entstandenen „Himmelfahrtsoratorium“ (BWV 11) – das Titelblatt eines Autographs in der Staatbibliothek zu Berlin nennt es „Oratorium Festo Ascenfionis Christi“ – nimmt die Forschung ebenfalls Picander als Textdichter an.
 
Seine niedrige Werkeverzeichnis-Nummer verdankt das Werk der Tatsache, dass es in der alten Bach-Gesamtausgabe aus dem Jahr 1852 noch als Kantate „Lobet Gott in seinen Reichen“ aufgeführt, später jedoch den Oratorien zugeordnet wurde. Auch hier berichtet der Evangelist vom biblischen Geschehen, jedoch weder getreu einem einzelnen Apostel noch in freier Dichtung: Diese Historia der Himmelfahrt Jesu basiert vielmehr auf einem Kompendium verschiedener Bibelstellen aus dem 24. Kapitel des Lukas- und dem 16. Kapitel des Markus-Evangeliums sowie dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte. In seiner Einführung zum Bachschen-Kantatenwerk verweist Hans-Joachim Schulze auch auf die „Evangelien-Harmonie“ Johannes Bugenhagens (1485-1558), einem Mitstreiter Martin Luthers, die zu Bachs Zeiten Teil der meisten Gesangbücher war. Die von Bach vertonten Texte unterscheiden sich von der Version Bugenhagens allerdings durch leichte Kürzungen und Umformulierungen, die sich wiederum dem biblischen Urtext nähern.
 
Wie das „Oster-Oratorium“ besteht auch das Schwesterwerk zur Himmelfahrt aus elf Sätzen und betont seinen festlichen Charakter, der bereits im strahlenden D-Dur des heiter konzertierenden Eingangschors offenbar wird. Wie der Schlusschor erklingt er in der gleichen Besetzung wie die Kantaten I, III und VI des Weihnachtsoratoriums, nämlich mit Pauken und drei Trompeten. Auffällig sind hier die herausstechenden Synkopen nach dem lombardischen Rhythmus (bei dem die punktierte Note an die zweite, eigentlich weniger betonte Stelle der Notengruppe tritt). Der Eingangschor gehört, wie zwei Rezitative (Nr. 3: „Ach, Jesu, ist Dein Abschiedsschmerz so nah?“ und Nr. 7b: „Ach ja, so komme bald zurück“) sowie zwei Arien (Nr. 4: „Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben“ und Nr. 8: „Jesu, Deine Gnadenblicke“) zu den freien Dichtungen. Bach setzt die Textebene des Chorals an zwei Stellen ein: Nach dem Evangelien-Text „Und ward aufgehoben zusehends und fuhr gen Himmel“ folgt in geschickter Dramaturgie der Choral „Nun liegt alles unter Dir“ von Johann Rist (1607-1667) aus dem Jahr 1641, der das Ereignis der Himmelfahrt gleichsam aus der Vogelperspektive heraus schildert. Als Schlusschor steht die siebte Strophe des 1697 entstandenen Kirchenliedes „Gott fähret auf gen Himmel“ von Gottfried Wilhelm Sacer (1635-1699): „Wenn soll es doch geschehen?“ Auch im Eingangschor spielt Bach mit zwei Ebenen, allerdings auf textlichem Niveau: Die ersten drei der sechs Verse, wo vom Loben, Rühmen und Preisen die Rede ist, unterscheiden sich in ihrem Gehalt auffallend von den folgenden: „Sucht sein Lob recht zu vergleichen, / wenn Ihr mit gesamten Chören / ihm ein Lied zu Ehren macht!“.
 
Doch der Eingangschor birgt noch eine weitere Überraschung: Neben anderen Sätzen von BWV 11 ist auch er ein Paradebeispiel für Bachs Parodiekunst, der Verwendung bereits früher komponierter Werke: Zwei Jahre vor der ersten Aufführung des „Himmelfahrts-Oratoriums“ hatte der Thomaskantor die Musik bereits in einer Huldigungskantate auf den Namenstag des sächsischen Kurfürsten verwendet und diese 1732 wiederum komplett als Festmusik zur Einweihung der umgebauten Thomasschule geschrieben. Das Versmaß des seinerzeit von Johann Heinrich Winckler (1703-1770) verfassten Textes ist identisch: „Froher Tag, verlangte Stunden, / nun hat unsre Lust gefunden, / was sie fest und ruhig macht. / Hier steht unser Schulgebäude, / hier erblicket Aug‘ und Freude / Kunst und Ordnung, Zier und Pracht.“
 
Der erste Evangelien-Bericht ist knapp gefasst und schließt mit dem Abschieds-Rezitativ des Basses, dessen Flötenbegleitung und Hinführung zur Alt-Arie an die Matthäuspassion erinnern. Nach der Trauer über das Scheiden Jesu folgt jedoch die Wiedersehensfreude: Der zweite Teil der Historia eröffnet mit der Verkündigung der Himmelfahrt durch die „zwei Männer in weißen Kleidern“, deren strikter Quint-Kanon die Kongruenz beider Aussagen dokumentiert. Bei der Arie des Sopran (die wie die des Alt aus der Hochzeits-Serenade „Auf! Süß entzückende Gewalt“ stammt) verzichtet Bach auf das obligate Bass-Fundament und erweist sich damit wiederum als geschickter Regisseur: Auch der gen Himmel schwebende Christus hatte ja keinen Grund mehr unter den Füßen – ganz anders als die zurückgebliebenen Jünger, denen die Boten zusagten: „Dieser Jesus, welcher von Euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie Ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“
 
Das Bild zeigt eine Darstellung der Himmelfahrt Jesu aus dem Jahr 1446, heute zu sehen im Dom zu Florenz.