Auch mal „Ferrari fahren“

WINDSBACH (14. April 2015). Bei Martin Lehmann kann man wirklich nicht sagen, die rechte Hand wisse nicht, was die linke tut: Wenn der Chorleiter mit links den Sopran dirigiert, tut er das beim Alt sozusagen mit rechts ein Stockwerk tiefer. Wenn auch nicht persönlich: Dort geht ihm derzeit Justus Merkel zur Hand; der 19-Jährige war bis vor einem Jahr selbst aktiver Windsbacher und unterstützt nun die Arbeit des Chorleiters im Rahmen seines Freiwilligen sozialen Jahres (FsJ).


Justus Merkel, Abi-Jahrgang 2014, erlebt gerade eine intensive und spannende Zeit, auf die seine letzten Jahre in Windsbach geradezu hingezielt zu haben scheinen. Als Neuendettelsauer war er bis zur zehnten Klasse Tagesheimschüler, wollte aber die letzten beiden Jahre unbedingt im Internat leben. Hier war er wie viele andere Sänger buchstäblich Ohren- und Augenzeuge des Chorleiterwechsels, den er nach eigenen Angaben besonders intensiv miterlebt hat.
 
„Dolmetscher“ des Dirigenten
Denn irgendwie schien von Anfang an eine besondere Verbindung zu Martin Lehmann, der 2012 das Amt des Knabenchor-Dirigenten in Windsbach antrat, zu bestehen. Es lag Justus einfach am Herzen, dem damals „Neuen“ ein wenig den Rücken frei zu halten, die Atmosphäre im Chor im Auge zu haben und, wo nötig, als „Dolmetscher“ einzuspringen. Die Sympathie war nicht einseitig, denn auch Lehmann schätzte die Loyalität des Sängers, auf den er sich nicht nur als Tenorsolist verlassen konnte.
 
Und so sprach er Justus im Januar 2014 an, ob er sich nicht vorstellen könnte, im Anschluss an seine aktive Zeit als Chorsänger ein soziales Jahr vor Ort zu leisten. Was in Knabenchören wie dem Dresdner Kreuzchor, in dem Lehmann als Jugendlicher selbst mitgesungen hat, oder den Leipziger Thomanern die Regel ist, nämlich dass besonders talentierte Choristen den Dirigenten bei bestimmten Aufgabe entlasten, wurde in Windsbach bislang nicht praktiziert. Doch wo sich derart begabte Kräfte anbieten, sollte man deren Engagement nutzen.
 
Feste Aufgaben
Kurzum: Justus konnte sich das sehr gut vorstellen und übernahm auch in der Zeit zwischen Abitur und Schuljahresende bereits einzelne Aufgaben, leitete Registerproben oder vertrat den Chorleiter beim Einstudieren – erst mal „auf freiwilliger Basis“. Seit September 2014 betreut Justus rund 20 Knaben in der Stimmbildung, steht in Register-Proben „am Pult“, studiert mit Chor-Solisten Partien ein, gestaltet das Einsingen, während Lehmann schon mit dem Orchester probt – und singt natürlich selbst nach wie vor als Tenor im Knabenchor.
 
Wenn man Justus in der Chorprobe oder Konzert erlebt, könnte man meinen, er hätte ein erstes Ziel erreicht auf dem Weg zum Traumberuf Chorleiter. Umso mehr überrascht der Sänger mit der Aussage, dass er bis vor einem Jahr noch „keinen blassen Schimmer“ gehabt hätte, wohin ihn sein beruflicher Weg einmal führen würde. Direkt ans Dirigentenpult? Hier ist Justus sympathisch ehrlich und weiß um die hohen Ansprüche, die das Studium an den Bewerber stellt. Gerne will der Tenor das mal versuchen. Aber ob es das Richtige sein wird?
 
Zu Besuch bei anderen Chören
Derzeit sammelt er schon mal viele wie vielfältige Erfahrungen – nicht nur im Dirigier-Unterricht, den er bei Lehmann hat. Der gelehrige Schüler darf auch alle zwei Monate auf Reisen gehen: Dank eines Stipendiums der Erwin-Fricke-Stiftung Ansbach, die musisch begabte junge Menschen unterstützt, konnte Justus bereits beim Dresdner Kreuzchor hospitieren; ein Besuch in Leipzig und beim Chor des Bayerischen Rundfunks in München stehen ebenfalls an.
 
Mit Lehmann zusammen war er auch schon in England, wo man dem Trinity College Choir, den King’s College Choir und dem New College Choir Oxford einen Besuch abstattete. Besonders gut gefiel dem Sänger aber die Hospitanz in Stuttgart, wo er dem Künstlerischen Leiter der dortigen Bach-Akademie, Christoph Rademann, über die Schulter schauen durfte. Auch die beiden verstanden sich prächtig: Der Dirigent würde sich freuen, Justus in Dresden als Student der Chorleitung zu unterrichten. Und der kann sich das ebenfalls gut vorstellen.
 
Weiter singen!
Ein Leben ohne Chorgesang? Für den heute 19-Jährigen erscheint das schier unmöglich. Weswegen er sich auch besonders über eine Aufgabe freut, die man jüngst an ihn herangetragen hat: Ehemalige Windsbacher der letzten vier, fünf Abiturienten-Jahrgänge möchten einen Chor aus Bass-, Tenor- und Altus-Stimmen gründen, der projektbezogen arbeiten und konzertieren wird – und Justus soll dirigieren!
 
Damit würden viele Erinnerungen und Erlebnisse konserviert: die Internatsatmosphäre, der intensive Umgang mit gleichaltrigen Freunden, der Justus oft fast wie eine neue Familie vorkam, die Intensität der geschlossenen Freundschaften, das gemeinsame Streben nach musikalischer Perfektion, überhaupt die Begeisterung für die Chormusik – all das macht das Leben eines Windsbachers aus.
 
„Ferrari fahren“
Als Lehmanns Vorgänger Karl-Friedrich Beringer kurz vor dem Schritt in den Ruhestand Bilanz zog, lobte er seine Sänger mit den Worten, der neue Dirigent bekomme einen Ferrari hingestellt. Dass Martin Lehmann diesen souverän „fahren“ kann, hatte er schnell unter Beweis gestellt. Und wie sich das anfühlt, diesen „Ferrari unter den Knabenchören“ zu lenken, darf auch Justus Merkel buchstäblich erfahren, denn der Chorleiter lässt ihn durchaus auch schon mal während kleinerer Auftritte einzelne Stücke dirigieren: „Os justi“ von Anton Bruckner beispielsweise oder Felix Mendelssohns „Richte mich Gott.“ Und derzeit hat Justus eine neue Aufgabe: Er wird das „Pater noster“ von Jacobus Gallus komplett eigenständig einstudieren und dann auch dirigieren. Der aktive Ehemalige wird an seine Zeit in Windsbach auf jeden Fall besonders intensiv zurückdenken.