Die Motette

WINDSBACH (13. Mai 2018). Wissen Sie eigentlich, was ein Homonym ist? Ein Wort mit mehreren Bedeutungen. Zum Beispiel Mutter: Sie hat einen geboren oder hält als Gewindehohlschraube zwei Gegenstände zusammen. Anderes Beispiel: Steuer – zahlt man oder benutzt es zum Lenken. Gerade die Windsbacher benutzen ebenfalls ein Homonym: Motette – auf der einen Seite singen sie Stücke dieser Gattung, auf der anderen Seite heißt so auch die seit Jahrzehnten bestehende Reihe der chorischen Andacht in der Nürnberger St. Lorenz-Kirche. Wir werfen heute mal einen Blick auf die musikalische Gattung.

Eine Motette ist eine mehrstimmige, meist geistliche Vokalkomposition, deren Bezeichnung sich vom lateinischen Wort „motetus“ ableitet. Damit bezeichnete man im Mittelalter, zur Zeit des Gregorianischen Chorals also, eine zweite, anders textierte Singstimme. Der Benediktinermönch Walter Odington schrieb Anfang des 14. Jahrhunderts vom „Brevis motus cantilenae“ und leitete den Ausdruck vom lateinischen „motus“ (Bewegung) ab; der Kirchenmusikhistoriker Martin Gerbert wies 1774 auf den möglichen Zusammenhang mit den Begriffen „mot“ (französisch: Wort) und „motto“ (italienisch: Spruch) hin. In der „Encyclopa der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst“ aus dem Jahr 1837 ist auch vom lateinischen „mutare“ die Rede, was auf die vielgestaltige Form der Gattung verweisen könn.
 
Sie entstand auf jeden Fall um das Jahr 1200 in Frankreich und stellte eine der wichtigsten Neuentwicklungen im Bereich der polyphonen Vokalkomposition dar. Einer Motette lag in der Regel ein Cantus firmus zugrunde, zu dem anfangs ein bis drei anders gesetzte Stimmen hinzutraten: der Discantus, der Contratenor altus und der Contratenor bassus. In der erwähnten Enzyklopädie ist auch Martin Luther zitiert, der die Motette wie folgt beschrieb, nämich als Musik, „in welcher vor allem das seltsam u[nd] zu verwundern ist, dass einer eine […] Weis‘ […] hersinget, neben welcher drei, vier oder fünf andere Stimmen auch gesungen werden […] gleich als mit Jauchzen gerings herumher [… ] spielen und springen und mit mancherlei Art und Klang dieselbige Weise wunderbarlich zieren und schmücken und gleich wie einen himmlischen Tanzreihen führen, freundlich einander begegnen und sich gleich herzen und lieblich umfangen.“
 
Geistliche Musik
In der Ars nova, einer französischen Musikströmung zwischen 1320 und 1380, in der die rhythmische Notation verfeinert wurde, integrierten die Tonsetzer komplexe kontrapunktische Strömungen. Das 15. Jahrhundert brachte dann eine Entwicklung hin zum Kantilenensatz als besonders lyrische Melodieführung, womit ein stärkerer Akzent auf den Diskant und die Kantabilität gesetzt wurde. Hatte die Motette zuvor auch weltliche und sogar mehrsprachige Texte, beschränkte sie sich in der Renaissance auf rein geistliche Inhalte.
 
Komponisten wie Orlando di Lasso prägten die Gattung im 16. Jahrhundert mit der Entwicklung der Liedmotette, in der ein bestimmter Cantus das tonale Grundmaterial für den polyphonen Satz vorgibt. Entstand in England dieser Zeit als Pendant das Anthem als englischsprachige, nichtliturgische geistliche Chormusik (unter anderem von Henry Purcell, William Byrd, Thomas Tallis oder Georg Friedrich Händel), komponierten in Deutschland Tonkünstler wie Heinrich Schütz oder Samuel Scheidt ausgehend von der Liedmotette einen protestantischen Typus: die mehrstimmige und auch -chörige Motette.
 
Zum Beispiel Johann Staden!
Das 40-stimmige „Spem in alium“ von Tallis oder die 1582 von Leonard Lechner in Nürnberg veröffentlichte 24-stimmige Hochzeitsmusik „Quid Chaos“ sind hier allerdings die Ausnahme. Apropos Nürnberg: Beispielhaft für die Gattung der Motette ist auch der Nürnberger Komponist Johann Staden, dessen Tonkunst in seiner „Kirchenmusik I“ der Windsbacher Knabenchor 2015 bei Sony als Weltersteinspielung veröffentlichte.
 
Ausgehend von Italien passte sich die Motette der Barockzeit dem Generalbass an und erklang oft colla parte, also mit einer Instrumentalbegleitung, die die Chorstimmen spielte. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich indes eine große stilistische Vielfalt der Gattung, wofür auch die nach aktuellem Forschungsstand sieben Motetten Johann Sebastian Bachs stehen: „Singet dem Herrn“, „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“, „Jesu, meine Freude“, Fürchte Dich nicht“, „Komm Jesu, komm“ und „Lobet den Herrn“ sowie „Ich lasse Dich nicht“. Aus diesem Werkekanon singt der Windsbacher Knabenchor in seinem kommenden Bach-Programm BWV 226 („Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“).
 
Galt bislang die Colla-parte-Begleitung der Singstimmen als legitim, erachtete man im 19. Jahrhundert die Wiedergabe a cappella für stilistisch überzeugender – und richtiger. Auch die nun entstehenden Motetten beispielsweise von Johannes Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Max Reger verzichteten auf eine instrumentale Begleitung. Pflegten im 20. Jahrhundert nur noch wenige Komponisten wie beispielsweise Hugo Distler die Gattung der Motette, erlebt sie derzeit eine kleine Renaissance. So komponierte beispielsweise der schwedische Komponist Sven-David Sandström sechs Motetten auf die Texte, auf die auch Bach seine entsprechenden Werke komponiert hatte.