„Bei Engeln eingeladen“

NÜRNBERG (12. Oktober 2018). Schon als Kind habe sie Musik geliebt, bekannte Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin und ständige Vertreterin von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in ihrem Grußwort während der 500. Lorenzer Motette. Ihre herzlichen Worte veröffentlicht das Journal hier mit freundlicher Genehmigung im Wortlaut:

 
„Wie schön ist es […], über die Windsbacher, allesamt sowieso begnadet mit ihren Stimmen, zu lesen: ‚Wir machen aus kleinen Sängern starke Persönlichkeiten.‘ Das ist wahrhaft ein geistliches Ziel, das wir mit all unseren Kindern und Jugendlichen verfolgen sollten – gleich, ob und wie sie singen. Denn es ist so: Ein guter Kontakt zum eigenen Körper, zur eigenen Stimme unterstützt ein Menschenkind auf dem Weg zu sich selbst, zur eigenen kraftvollen Identität. Allein und gemeinsam zu singen, das macht wach, es hilft, sich zu konzentrieren – auf sich selbst und auf andere. Und es trägt dazu bei, Durchhaltevermögen zu entwickeln.
 
‚Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern‘ heißt es in der Bibel: ‚Singt und spielt dem Herrn in Eurem Herzen.‘ Wenn ich die Windsbacher höre, denke ich immer, ich bin bei Engeln eingeladen. Die Klarheit der Stimmen, die Präzision der Töne, die feine Akkuratesse der Emotionen – das geht mir mitten ins und durch das Herz. Ja, und es bläst meinen Kopf frei von trüben Gedanken. Seien es Händel, Schütz, Brahms Mendelssohn. Seien es Vogt, Scarlatti, Bruckner, Pepping oder Rheinberger. Die ersten Plätze der Charts sind es, die uns heute zu Gehör gebracht werden.
 
Die kleinen und großen starken Persönlichkeiten aus Windsbach singen und musizieren. Wir dürfen hören und vielleicht leise mitsingen. Das macht schon auch stark – geistig und emotional. Denn Musik löst den Krampf des Lebens, verschafft dem Verstand Erholung und regt die Gedanken neu an. Kunst, Musik, stemmt sich auch gegen Materialismus und die Vertrocknung des Religiösen, dagegen, nur als hübsche Dekoration missverstanden zu werden. Nein, Musik ist etwas ganz Eigenes. „Kunst ist die Seele des Menschen, die uns mit dem Göttlichen verbindet“, sagt ein Regensburger Kantor und das klingt schon selbst wie Musik. Musik ist Ausdrucksform von Lebensfreude, von großer Erleichterung und Dankbarkeit. Sie ist auch Impuls, Anstoß für anderes Verhalten, Ausdruck für Vertrauen in Ängsten.
 
Martin Luther sagte bei Tisch einmal: ‚Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes ist die Musica. Sie verjagt den Geist der Traurigkeit, ist das beste Labsal einem betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird.“ Übrigens: Immer wieder gab es Nörgler, denen die Musik verdächtig war, weil sie in das Innerste der Seele eindringen und an die Gefühle des Menschen rühren kann. Der Philosoph Platon hat deshalb vermeintlich „verderbliche“ Instrumente wie die Oboe und „ganz gefährliche“ Musikgattungen wie das Loblied auszumustern. Feierlichen Chorgesang fand er bekömmlicher für Sitte und Anstand. Ich bin sehr froh, dass die Windsbacher eine andere Philosophie haben. Denn das Repertoire reicht von der Renaissance bis zur Moderne. A cappella, große Oratorien – einfach alles können sie. Auch Strawinsky. Eigentlich, nein, das Wort streiche ich: Es gibt keinen besseren Knabenchor.
 
Als ich die Windsbacher einmal vor Weihnachten unter Kent Nagano gehört habe, fand ich es zum Niederknien schön. Zu Recht reißt man sich um sie und ihren Künstlerischen Leiter, den herausragenden Martin Lehmann in Europa, Amerika, Asien, Australien und dem Nahen Osten. Auch der Vatikan ist hin und weg von ihnen. Zu Recht.
 
Im Epheserbrief heißt es: ‚Sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.‘ Ich sage heute Abend im Namen der Landeskirche Dank für diesen Chor – für alle, die in ihm mitsingen, für alle, die junge Menschen seit seinem Bestehen fördern und begleiten. Dieser Chor ist ein Geschenk an Bayern, an Deutschland, an die ganze Welt.“

 
Die Redaktion dankt Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ausdrücklich für die freundliche Genehmigung, ihre Grußbotschaft im Wortlaut wiedergeben zu dürfen (Foto: ELKB/Rost).