Staatsempfang im Heimatministerium

NÜRNBERG (12. Oktober 2018). Die 500. Motette in St. Lorenz ist gerade zu Ende gegangen. Donnernder Applaus des Publikums, Standing Ovations der Nürnberger für „ihre Windsbacher“, Martin Lehmann und den Organisten Matthias Ank. In allen späteren Grußworten wird darauf gedrungen, diese Tradition fortzusetzen – der bayerische Innenminister Joachim Herrmann spricht sogar von „weiteren 500 Motetten“.

 
Im Anschluss geht es hinüber ins Heimatministerium, wo der Freistaat Bayern für geladene Gäste einen Empfang ausrichtet. Ministerpräsident Markus Söder spricht in seinem im Programmheft der Motette abgedruckten Grußwort von einem „Glücksfall für Nürnberg und St. Lorenz. […] Ein besonderes Juwel unseres Landes ist der Windsbacher Knabenchor.“
 
Deutliche Worte
Auch Joachim Herrmann, der den Regierungschef an diesem Abend vertritt, ist ergriffen vom eben Gehörten. Er spricht von einem „großartigen Erlebnis, einer musikalischen Sternstunde“, von „einzigartiger Stimmkultur“. Der Windsbacher Knabenchor habe durch die „hervorragende musikalische Erziehung im Sängerinternat“ Generationen von Menschen geprägt, sie miteinander verbunden. Und dabei mehrfach Geschichte geschrieben: Herrmann nennt die Aufführung der Bachschen Matthäuspassion, die die Windsbacher 1993 in Israel als erster deutscher Chor sangen und ein Ereignis aus der jüngsten Vergangenheit, den Auftritt vor Papst Franziskus in der Sixtinischen Kapelle 2017.
 
Dass der Freistaat nur zwei Tage vor einer richtungsweisenden Landtagswahl den Chor und seine Gäste feiere, sieht der Minister als klares Bekenntnis der Politik zur Leitung dieses Chors und seiner Einrichtung. Zusammen mit der Landeskirche hat er gerade erheblich in die Sanierung des Chorzentrums investiert. Dort, in der Provinz, sei der Chor zuhause und zeige, dass auch außerhalb der Metropolen Großartiges entstehen könne: „Die Windsbacher werden überall gefeiert und bewegen die Herzen der Menschen mit ihrer Musik als gelebte Völkerverständigung und Verbindung zwischen den Menschen über alle Grenzen hinweg. Das ist eine kostbare Erfahrung gerade in unserer Zeit, ein Zeichen des gegenseitigen Respekts und Friedens.“
 
Für die Stadt Nürnberg spricht deren Kultur-Referentin Julia Lehner die Grüße von Rat und Oberbürgermeister aus. Der Schatz der Musik habe viele Facetten, von denen die Kirchenmusik eine besondere sei. In ihr verbinde sich die Liturgie mit tönender Spiritualität. Nürnberg sei als Stadt der Reformation auch seit Jahrhunderten eine Stadt der Kirchenmusik. Und die Windsbacher hätten mit der Tradition der Motette einen großen Anteil daran: Für die Stadt sei dies eine besondere Ehre, wofür man dankbar sei.
 
Dass auch die Landeskirche hinter dem Windsbacher Knabenchor steht, zeigte die Präsenz von gleich drei Regionalbischöfinnen, die mit zahlreichen anderen kirchlichen Würdenträgern zur Motette und zum anschließenden Empfang gekommen waren: neben Susanne Breit-Keßler Gisela Bornowski und Elisabeth Hann von Weyhern. Sie spricht in ihrem Grußwort von der Motette als Musik, die Menschen bewege: „Text und Musik verschmelzen, der Himmel öffnet sich. Wenn die Windsbacher in all ihrer Brillanz das Lob Gottes anstimmen, dann lässt das kaum einen kalt.“ Hann von Weyhern betont, dass die Lorenzer Motette für viele „ihr“ Gottesdienst sei, in dem sie persönliche Zuwendung durch die Musik erführen. Hier werde beispielhaft gezeigt, wie Kirche nach außen wirken könne.
 
Als Hausherrin von St. Lorenz spricht Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein in ihrem Redebeitrag davon, dass das Singen Spuren bei den Menschen hinterlasse. Während die Kirchen im sonntäglichen Gottesdienst immer leerer würden, sei dies in der Lorenzer Motette gegenläufig. Die Motette als Möglichkeit, die christliche Botschaft in Wort und Musik unterschwellig zu vermitteln, sende ein starkes Zeichen des Glaubens in eine ziemlich säkulare Welt.
 
Thomas Schöck unterstreicht als Vorsitzender des Kuratoriums des Windsbacher Knabenchores nicht nur die „hervorragende Sangeskultur, die immer wieder fasziniert“, sondern betont auch den Verkündigungsauftrag, den Martin Lehmann und seine Sänger gerade mit der Motette wahrnähmen: nach außen in Konzerten und Gottesdiensten, aber auch nach innen, indem junge Menschen in einem christlichen Umfeld aufwüchsen und gebildet würden. „Das sind die besten Voraussetzungen, um ihren Platz im ethischen und gesellschaftlichen Leben zu finden.“ Schöck zitierte Chorleiter Martin Lehmann, der während des jüngsten Patronatstreffens gesagt hatte: „Wichtiger als das Kreuz an der Wand sind die Menschen, die unter ihm arbeiten.“
 
Mehr als Musik
Dass es hierfür die passenden finanziellen Rahmenbedingungen brauche, sagte nicht nur Schöck, sondern auch Lehmann selbst in Richtung der Verantwortlichen in Kirche und Politik. Als letzter Redner des Abends griff der Dirigent nochmals den bereits zuvor genannten Begriff der Motette auf: Er kommt vom lateinischen Wort motus, zu Deutsch Bewegung. „Wir bewegen Menschen, aber auch uns selbst.“ So kämen Kinder aus eher säkularen Haushalten mit der oft schon verloren geglaubten Tradition der geistlichen Musik in Verbindung. Aber Windsbach biete noch mehr: „Hier infizieren wir die Kinder mit einem lebensbejahenden Virus. Sie lernen, dass die Arbeit vor dem Erfolg steht, entwickeln eine große Sozialkompetenz und erfahren einen Wissenstransfer von den älteren Sängern hin zu den jüngeren als Ausdruck einer solidarischen Gemeinschaft.“ Dadurch würden sie zu selbstständigen und denkenden Menschen, die sich darüber hinaus auch gegenüber populistischen Verführern als immun erwiesen.
 
Natürlich wird an diesem Abend auch gesungen – und zwar gleich dreifach: Nachdem Männerstimmen des Windsbacher Knabenchores mit „Wer hat Dich, Du schöner Wald“ von Felix Mendelssohn Bartholdy den Reigen der Redner musikalisch abgeschlossen hatten, tritt zu späterer Stunde mit „Windsbachern der ersten Stunde“ auch ein spontan gegründeter Chor der „Altvorderen“ auf, der zuletzt mit den jungen Sängern Friedrich Silchers „Kaiser Barbarossa“ anstimmt. So erleben die Gäste aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eindrucksvoll auch das generationsübergreifende Element. Denn wie sagte ein früherer Sänger des Chores jüngst so passend: „Windsbacher bleibt man sein Leben lang.“

Bildnachweise: Joachim Herrmann (Innenministerium des Freitstaats Bayern), Julia Lehner (Stadt Nürnberg, Diefenbach), Elisabeth Hann von Weyhern (Evang.-Luth. Kirchenkreis Nürnberg), Claudia Voigt-Grabenstein (St. Lorenz), Thomas Schöck (FAU Erlangen-Nürnberg), Martin Lehmann (Mila Pavan)