Der Rainer geht in Rente!

WINDSBACH (9. Juli 2018). Eigentlich müsste an diesem Mann mit dem offenen Lächeln irgendwo ein Etikett zu finden sein, das ihn deutlich als „Inventar“ des Windsbacher Sängerinternats ausweist, schließlich bewohnt er das Studienheim schon seit seiner Kindheit. Generationen von Windsbachern kennen ihn als Erzieher der Unterstufenschüler und müssen jetzt ganz tapfer sein: Rainer Ohms (66) geht zum Ende des Schuljahrs in den Ruhestand. Für das Journal blickt er auf über fünf Jahrzehnte seines Lebens in Windsbach zurück – zuerst als Schüler, dann als Erzieher:

Herr Ohms, wer so lange wie Sie in diesem Internat lebt, ist entweder ein richtig lausiger Schüler oder Mitarbeiter. Wie kamen Sie nach Windsbach?
 
Als Schüler. Das war 1961. Meine Eltern hatten damals im Sonntagsblatt gelesen, dass die Windsbacher Nachwuchs suchten. Da waren auch gleich einige Vorsingtermine angegeben, das fand damals im Gemeindesaal der Lorenzkirche statt. Da haben sie mich angemeldet und so hat das seinen Lauf genommen. Ich sang bei Hans Thamm vor und da mussten wir dann auch eine kleine schulische Prüfung über uns ergehen lassen. Ein paar Wochen später kam dann die Bestätigung, dass ich da antreten dürfte. Und so bin ich dann im September 1961 ins Internat eingezogen.
 
Damals waren sie neun Jahre alt. Was war das für eine Zeit in Windsbach? Wie haben Sie sie erlebt? Wenn ich das mal schnell nachrechne haben Sie ja die berühmten 1968er bewusst miterlebt?
 
Ja, das stimmt. Bis dahin herrschte in Windsbach – wie vermutlich in allen anderen Internaten auch – die sogenannte „schwarze Pädagogik“ (der Begriff wurde 1977 von der Soziologin Katharina Rutschky eingeführt) vor. Und die fußte auf Einschüchterung. Da herrschten ganz klare Hierarchien und das Personalpolster war keinesfalls so stark wie heute, so dass vieles delegiert wurde: von den Präfekten an die älteren Schüler und von denen dann an die der Mittelstufe. Da haben viele dann ihre Machtgelüste an den jüngeren Schülern ausgetobt. Hier kann man tatsächlich von einer Hackordnung sprechen. Dass die Älteren von den Jüngeren Respekt einfordern, das gehört ja irgendwie zu einem solchen sozialen Gefüge dazu – aber damals war das schon sehr hart. Schließlich wurde seinerzeit auch der Kontakt zu den Eltern völlig gekappt, so dass man sich hier nur in den Ferien gesehen hat; und so gab es für uns auch keine Möglichkeit, vielleicht mal ein paar Sorgen loszuwerden. Man war also auf sich selber angewiesen, was einen auf der anderen Seite auch selbstbewusster gemacht und gestärkt hat.
 
Hat das auch Ihre Entscheidung beeinflusst, den Beruf des Pädagogen zu ergreifen – und vielleicht ja auch, sogar hier vor Ort?
 
Das kann sein, denn schon damals war ich davon überzeugt, dass Erziehung, zumal in einem Internat, auch anders umgesetzt werden könnte. In den 1968er Jahren – da war ich in der Oberstufe – hatte sich ja auch in Windsbach schon eine gewisse Entspannung abgezeichnet. Ich war allerdings noch etwas unentschieden und schwankte zwischen Theologie und Pädagogik; angefangen hatte ich mit dem Theologiestudium und bin dann umgestiegen. Erst habe ich in Tübingen studiert und dann in Bamberg.
 
Und nach dem Studium führte Sie Ihr Weg geradewegs nach Windsbach zurück?
 
Nach meinem Studium bin ich dem Ruf nach Windsbach gefolgt. Als ich das Internat nach dem Abitur verlassen hatte, hatte mich der damalige Direktor Friedrich Gagsteiger gebeten, möglichst bald wiederzukommen. Und so habe ich während meiner Studienjahre immer darauf hingearbeitet, dass es wieder nach Windsbach zurückgeht. 1978 war es dann soweit – fast zeitglich mit dem Chorleiterwechsel von Hans Thamm zu Karl-Friedrich Beringer: Der hatte im Januar angefangen und ich kam dann zum Beginn des neuen Schuljahrs.
 
Herrschte damals dann schon ein anderes Klima als das, in dem Sie seinerzeit als Schüler groß geworden sind?
 
Es war etwas entspannter, aber die Zimmerbelegung waren damals noch ungleich größer als heute. Es gab zwar keine Schlafräume mehr mit 16 Mann, aber zehn, zwölf Schüler lebten damals noch in einem Raum. Der Umgang untereinander war aber schon etwas lockerer.
 
In den Jahrzehnten Ihrer Zeit hier in Windsbach haben Sie ja nicht nur den Wandel der Pädagogik erlebt, sondern auch als angehender Erzieher maßgeblich aktiv mitgestaltet. Sie erwähnten ja, dass das auch eine Intention für Sie war, wieder nach Windsbach zurückzukommen. Wie sah das aus?
 
In den Jahren nach den gesellschaftspolitischen Umbrüchen der 1968er ging es gerade in der Pädagogik zu Recht um richtige Umwälzungen, was natürlich auch in Windsbach der Fall war. Es sollte ein neues erzieherisches Konzept erarbeitet werden und da wurde ich auch in den Vorbereitungskreis berufen, so dass ich hier meine Vorschläge einbringen konnte.
 
Was waren das denn für Ideen?
 
Es ging ganz grundlegend ja auch um bauliche Veränderungen. Da wurde das „Haus  M“…
 
…der Neubau, den es heute ja schon nicht mehr gibt…
 
…stimmt – also „Haus M“ später „der alte Neubau“, errichtet und das war sensationell, denn da gab es dann Vierer- und sogar Zweierzimmer! In dieser Zeit wurde das Internat von den Direktoren Friedrich Gagsteiger, Weking Weltzer und später Manfred Kretzschmer geleitet. Mit Direktor Otto Schrepfer begannen die umfangreichen baulichen Veränderungen die mit Thomas Miederer zu Ende gebracht und mit einem forciert weniger hierarchischen Zusammenleben erfüllt wurden.  Ein Vorschlag und auch Wunsch von mir über all die Jahre war, dass man altersgemischte Gruppen einführt und nicht in Klassenverbände unterteilt, weil zumindest nach der Einführung der für sich gesehen sehr sinnvollen Chorklassen wichtig gewesen wäre, zu vermeiden, dass die Kinder 24 Stunden am Tag ständig zusammen sind. Diese Überlegungen sind leider über den Beratungs- und Planungsstatus, an dem zahlreiche Kollegen äußerst engagiert beteiligt waren, und ein nicht so ganz mutiges Pilotprojekt nicht hinausgekommen.
 
Für welche Gruppen waren Sie zuständig?
 
Ich habe immer als Erzieher der Unterstufe gearbeitet, also fünfte, sechste und siebte Klasse. Und das schönste waren die Jahrgänge, die ich über alle drei Schuljahre begleiten durfte – das habe ich zwei Mal erlebt.
 
Warum die Unterstufe? War das ein persönlicher Wunsch?
 
(lächelt) Ich glaube, da bin ich mehr für geeignet als die oberen Klassen zu betreuen.
 
Wir haben über die Veränderungen des Erziehungsstils gesprochen. Doch die Zeiten sind ja auch an den Schülern nicht spurlos vorübergegangen? Wie haben die sich eigentlich verändert?
 
Anfangs in der Weise, dass sie viel offener wurden als in früheren Jahren, als jeder schauen musste, dass er seine Haut rettet. Das Verhältnis untereinander wurde viel freundschaftlicher und partnerschaftlicher. Interessanterweise erleben wir aktuell mit dem Einzug der neuen Kommunikationsmöglichkeiten – vor allem der so genannten „sozialen Medien“ – eine gegenläufige Entwicklung: Jetzt kapselt sich mancher wieder ab und ist nur noch am Wischen auf dem Display seines Smartphones. Allerdings haben wir das relativ gut in den Griff gekriegt, denn das Nutzen der Geräte ist ja nur nach dem Abendessen erlaubt. Wir können uns ja auch nicht abkoppeln von der restlichen Zivilisation.
 
Direktor Thomas Miederer hat mir gegenüber mal erwähnt, dass Sie die neuen Medien selbst aktiv nutzen, um mit den Eltern zu kommunizieren?
 
Ja, ich schreibe jede Woche eine Eltern-Mail als Rückblick auf die abgelaufene Woche, oftmals mit Bildern aus dem Gruppenleben. Das machen Kollegen gelegentlich auch, aber ich habe die Eltern wirklich wöchentlich kontaktiert, um sie über das, was hier in Windsbach passiert, auf dem Laufenden zu halten. Das war für mich dann auch ein richtiges Abschluss-Ritual einer Woche, das mich dann auch mit einer gewissen Befriedigung erfüllt hat, wenn ich auf diese Weise die hinter uns liegenden Tage zusammenfassen und damit dann auch abschließen konnte. Hierfür haben wir ja auch jeweils ein Diensttagebuch, dass man sich am Abend hinsetzt und noch mal ein wenig reflektiert: Was war gut? Was hätte man anders machen können? Oder sollen? Auf Facebook bin ich ebenfalls aktiv mit Berichten von unseren Highlights. Bekanntermaßen ein zweischneidiges Schwert. Aber ich erhalte so viele Nachrichten von Schülern der vergangenen Jahrzehnte, zum Beispiel aus den USA. Da muss man schon anerkennen, dass Facebook tatsächlich verbindend wirkt. Viele Teilnehmer äußern ihre anhaltende Verbundenheit zum „Alten Chorhaus“.
 
Was macht in Ihren Augen einen guten Erzieher aus?
 
Das ist eine ganz schwierige, fast schon philosophische Frage! Ich erinnere mich an einen Ausspruch, der lautete: Der beste Erzieher ist der, der sich entbehrlich macht – wenn also alles eigentlich gut läuft, ohne dass der Erzieher da immer hinterherspringen muss. Ich bin ja gar nicht in der Lage dazu, etwa beim Bettgang in allen drei Stockwerken ständig auf und ab zu rennen. Aber hier kann ich mich auf meine Schüler verlassen: Da wird der Schluss des Tagesgeschehens buchstäblich mit der Hausklingel eingeläutet und dann machen die Jungs das, was da erledigt werden muss, also Zähneputzen und so; nach ca. einer halben Stunde komme ich ein, zwei Mal vorbei und sage jedem Einzelnen „Gute Nacht!“. In der Regel klappt das alles wie am Schnürchen. Wichtig hierfür ist, dass die Schüler sich mit diesen Regeln identifizieren und sie dann auch bereitwillig akzeptieren. Ein guter Erzieher muss auch ein Vertrauensverhältnis aufbauen können. Das sind natürlich irgendwie Plattitüden, gehört aber eben auch dazu. Wenn ich einem Schüler meinen Geldbeutel anvertraue, dann ist das natürlich ein Wagnis – aber die Schüler erkennen das, wenn man ihnen Vertrauen entgegenbringt. Das darf jedoch nicht gekünstelt oder zu dick aufgetragen rüberkommen. Gerade als Pädagoge muss man echt sein und darf nicht irgendwas vorspielen; Kinder haben da ein unheimlich gutes Gespür, so was zu registrieren.
 
Authentizität ist also unheimlich wichtig?
 
Absolut. Aber auch der Spaß am Zusammensein darf nicht zu kurz kommen. Deswegen haben wir auch immer großen Wert auf gemeinsame Freizeitaktivitäten gelegt, denn abseits von Schule und Chor gibt es ja auch im Sängerinternat noch ein Leben. Spaß zu haben ist ein wichtiger Wohlfühlfaktor. Der große Erzieher Pestalozzi hat mal von der „Wohnstuben-Atmosphäre“ gesprochen und wir hatten das hier in der Vergangenheit oft, dass die Jungs hier bei mir im Dienstzimmer zu zehnt zusammengesessen sind; die einen lesen, die anderen spielen was oder man unterhält sich. In den Wintermonaten gab es dann immer noch Tee und Plätzchen dazu, so dass es da fast schon familiär zuging. Das ist gerade für die Kleineren besonders wichtig.
 
Mit von der Partie war bei Ihnen ja auch immer ein Vierbeiner, oder?
 
(streichelt den Mischlingshund Felix) Ja, Hunde – das ist ja schon mein dritter – sind immer eine große Hilfe, wenn es mal Probleme mit Heimweh gibt. Tobi war der erste, dann kam der Purzel und jetzt eben Felix.
 
Mit Ihren Erinnerungen könnten Sie sicherlich ein ganzes Buch füllen…
 
Stimmt und ich werde auch immer wieder aufgefordert, das zu tun!
 
Gibt es denn etwas, an das Sie besonders gerne zurückdenken?
 
Oh je! Im Lauf der Jahrzehnte gab es so viele schöne Erlebnisse hier in Windsbach, dass es mir tatsächlich kaum möglich ist, da etwas Bestimmtes hervorzuheben. Es ist die Summe aller Erlebnisse, die mich da beschenkt hat. Vielleicht unsere gemeinschaftlichen Aktionen, also Besuche in den Freizeitparks Tripsdrill und Geißelwind oder zum Abenteuerwald in Enderndorf, mit der abschließenden Seilbahn-Abfahrt über den Igelsbach-See, gemeinsames Basteln von Lebkuchen- oder Vogelhäuschen – das ist immer etwas ganz Tolles für die Jungs und damit auch für mich. Einmal im Jahr haben wir immer einen Raclette-Abend veranstaltet, zu dem dann auch „Ehrengäste“ aus der Schule, dem Chor oder Internat eingeladen wurden; und die haben das immer als etwas besonders Schönes empfunden, weil sie den Kindern mal anders als in ihrem angestammten Umfeld begegnen konnten. Äußerst beglückt hat mich auch das Ergebnis der ersten Latein-Schulaufgabe in diesem Schuljahr: Von 20 Schülern erzielten 10 Jungs eine „Eins“. Dieses Niveau konnten wir leider im weiteren Jahresverlauf nicht so ganz halten.
 
Gibt es vielleicht auch weniger schöne Erlebnisse, wo was schieflief?
 
Mich stimmt es betrübt, dass nicht alle Eltern uns so richtig vertrauen. Das habe ich in früheren Jahren völlig anders erlebt. Man spricht ja heutzutage auch von Helikopter-Eltern, die immer alles selbst im Griff haben und bestimmen wollen. Ob das wirklich für die Selbstständigkeitsfindung der Kinder so wirklich hilfreich ist? Sicherlich machen wir Fehler bei der Menge der täglich zu treffenden Entscheidungen und organisatorischen Abläufe oder vergessen  mal was; aber darin besteht doch gerade die Lebenskunst, damit gemeinsam lösungsorientiert umzugehen. Natürlich können wir die elterliche Sorge nachvollziehen, aber wer sein Kind zu uns ins Internat gibt, unterschreibt ja auch, dass er die Erziehungsverantwortung an uns überträgt; und dann sollte man uns auch unsere Arbeit machen lassen. Es fällt vielen Eltern schwer, loszulassen, aber letztlich muss es doch sein! Es ist auch nicht immer einfach: die einen Eltern fordern beispielsweise kürzere Studierzeiten, die anderen längere. Aber wir hier vor Ort dürften schon wissen, was das vernünftige Maß ist.
 
Für heutige Arbeitsverhältnisse gilt oft, dass sie nicht ewig sind und ein Arbeitnehmer, ob freiwillig oder unfreiwillig, öfters seinen Arbeitsplatz wechselt. Hatten Sie dahingehend nie Wünsche? Hat es Sie nie aus Windsbach weggezogen?
 
(grinst) Ich war ja weg: während des Studiums. Aber natürlich habe ich in den 40 Jahren, die ich hier als Erzieher tätig bin, auch mal Stellenanzeigen gelesen. Aber der letzte Anstoß hat dann irgendwie gefehlt: Ich war hier verwurzelt und bin es nach wie vor. Vorläufig bleibe ich auch in Windsbach wohnen.
 
Sie bleiben dem Haus also verbunden?
 
Freundschaftlich auf jeden Fall. Und unser Erziehungsleiter Alfred Frosch hat mich schon gefragt, ob ich weiterhin Latein-Nachhilfe geben möchte. Da schauen wir mal.
 
Was war und ist in Ihren Augen das Besondere an diesem Sängerinternat in Windsbach?
 
Eindeutig die Musik in all ihren Facetten! Und da ist ja nicht nur der Chor: Wenn man hier übers Gelände geht, hört man hier und da verschiedene Instrumente. Die Musik ist überall präsent. Das ist wichtig für die Kinder und gibt ihnen auch etwas für’s Leben.
 
Welches Resümee ziehen Sie am Ende Ihrer beruflichen Laufbahn hier?
 
Ein vorwiegend positives. Ich kann in Zufriedenheit und Dankbarkeit zurückblicken.
 
Lieber Herr Ohms, ich danke Ihnen ganz herzlich für diesen Rückblick und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute, Gesundheit und weiterhin eine so positive Ausstrahlung!