Zwangspause

WINDSBACH (6. Februar 2018). Zwei Dinge fürchtet jeder Leiter eines Knabenchores: eine Erkältungswelle und den Stimmbruch. Gegen Husten und Schnupfen kann man sich notfalls impfen, aber der Übergang von der Knaben- zur Männerstimme kommt unweigerlich. Doch was passiert dabei eigentlich?


In Knabenchören und gemischten Ensembles gibt es vier Register: Knaben singen Sopran oder Alt, die älteren Jungs, die Männerstimmen Tenor oder Bass. Der Stimmbruch, also der Wechsel von der hohen zur tiefen Lage, verläuft individuell und ist Teil der körperlichen Veränderung, die mit der Pubertät einhergeht. Im Schnitt mit 13 Jahren wird die Stimme rau und instabil – eben brüchig. Wer vorher buchstäblich in den höchsten Tönen jubilieren konnte, intoniert jetzt vergleichsweise krächzend: Die Stimme kippt und schwankt, weiß offenbar gar nicht so recht, wohin sie gehört, was sie derzeit ist: die eines Knaben nicht mehr, doch auch noch nicht die eines Mannes.
 
Ausgelöst wird diese Veränderung durch das Geschlechtshormon Testosteron, das schon während der embryonalen Entwicklung gebildet wird und bestimmt, dass sich der Fötus männlich entwickelt. Testosteron gehört zu den Androgenen (Sexualhormonen), deren Konzentration durch die einsetzende Pubertät erhöht wird und zu Muskelwachstum, vermehrter Körperbehaarung und Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale führt. Eine weitere, testosteronbedingte Veränderung ist: der Stimmbruch.
 
Während dieser Phase vergrößert sich der Kehlkopf, dessen Schildknorpel dann als Adamsapfel sichtbar wird. Auch die Stimmlippen wachsen. Nur einen kleinen Teil davon machen übrigens die Stimmbänder aus, eine Schicht aus elastischen Fasern, was ihnen ihren Namen gibt. Sind die Stimmbänder angespannt, wird ein hoher Ton erzeugt, sind sie entspannt ein tiefer. Stimmbänder und -lippen bilden zusammen mit einer Muskelschicht und Schleimhaut einen Apparat, der im Zusammenspiel Töne entstehen lässt. Die Stimmlippen liegen im Inneren des Kehlkopfes, der wiederum als Teil des Atemtrakts im vorderen Halsbereich den Übergang vom Rachen zur Luftröhre bildet. Die Stimmlippen sind paarig angelegt und beweglich. Mithilfe von sogenannten Stellknorpeln können sie sich öffnen und schließen. Der Spalt, der sich bei der Öffnung bildet, wird Stimmritze genannt.
 
Beträgt die Länge der Stimmlippen bei einem Zehnjährigen zwischen zwölf und 13 Millimetern, so nimmt diese im Stimmbruch um bis zu einem Zentimeter zu; die Stimmlippen werden auch dicker. Dadurch verändert sich der Klang der Stimme: Je länger und dicker die Stimmlippen sind, desto tiefer ist der erzeugte Ton, da sie nun weniger miteinander schwingen. Der Stimmumfang eines Jungen sinkt um etwa eine Oktave. Da die Stimmlippen jedoch nicht gleichzeitig wachsen, klingt die Sprech- und Singstimme schräg und verzerrt.
 
In der Pubertät wird auch der Hals des Jungen länger, was zur Folge hat, dass der Kehlkopf sich nach unten Richtung Brustkorb verlagert. Der fungiert nun als Resonanzraum, wodurch die Stimme zunehmend voller, „männlicher“ klingt. Auch nach dem Stimmbruch wachsen die Stimmlippen um bis zu zehn Millimeter weiter, was eine weitere Vertiefung der Stimme um eine Terz oder Quarte zur Folge hat. Am Ende dieser Entwicklung steht die Tenor- oder Bassstimme, wobei rund ein Drittel der Männerstimmen zum höheren Register mutieren. Vollkommen ausgereift ist die Männerstimme im Alter zwischen 25 und 30 Jahren.
 
So individuell der Stimmbruch einsetzt, so spezifisch ist auch seine Dauer: In Windsbach wurden bereits Übergänge von einem auf den anderen Tag wie von mehreren Jahren Länge beobachtet. Meist beträgt die Zeit des Stimmbruchs jedoch einige Monate, in denen die jungen Sänger weiterhin stimmbildnerisch betreut werden. Durch die Arbeit im eigenen „Mutantenstadl“ weiß Dirigent Martin Lehmann darüber hinaus stets, wie weit der Stimmbruch bei einem Knaben ist und ob er problemlos verläuft.
 
Übrigens: Auch Mädchen kommen in den Stimmbruch. Da bei ihnen jedoch weitaus weniger Testosteron im Blut ist und ihre Stimmbilder nur um etwa drei Millimeter wachsen, sinkt die Stimmlage der Damen nur um eine Terz und verläuft auch kontinuierlicher.