Händel mit dem „Schwebetonweltmeister“

WINDSBACH (3. Dezember 2018). Es ist nicht das erste Mal, dass die Windsbacher mit einem Countertenor zusammenarbeiten: Erst im vergangenen Jahr gestaltete der Chor sein Reformationsprogramm unter anderem mit dem Altus Yosemeh Adjei – übrigens ein ehemaliger Windsbacher. In diesem Jahr treten die Jungs mit Terry Wey auf, dessen Gesang die Kritiker weltweit jubeln lässt.

„Meiner Erfahrung nach handelt es sich bei einem Counter um einen Sänger, der sein Falsett zu einer solchen Stärke ausgebildet hat, dass es ähnlich viel Kraft und Resonanz besitzt wie die Vollstimme“, beschreibt der Vokalpädagoge David L. Jones das stimmliche Phänomen des Countertenors und hat beobachtet, „dass diese Sänger häufig die Fähigkeit besitzen, einen sehr großen Atemdruck mit dem Körper zurückzuhalten; das ermöglicht dem Falsett, große Stärke und einen schönen Klang mit exzellenter Beweglichkeit zu entfalten. Durch diese Beweglichkeit ist es möglich, die in der alten Musik geforderten Koloraturpassagen zu singen.“
 
Was zweifelsohne auch Terry Wey gelingt, der in den kommenden Aufführungen von Händels „Messiah“ die Alt-Partien bestreiten wird. Er kommt aus einer schweizerisch-amerikanischen Musikerfamilie und erhielt seine Gesangsausbildung ebenfalls in einem Knabenchor: bei den Wiener Sängerknaben. Privaten Gesangsunterricht nahm er bei Kurt Equiluz und Christine Schwarz am privaten Konservatorium der österreichischen Landeshauptstadt.
 
Bald gelang es dem Sänger, in der internationalen Konzert- und Opernszene Fuß zu fassen, wo er mit bedeutenden Dirigenten und Ensembles zusammenarbeitete, darunter William Christie, Thomas Hengelbrock, Marc Minkowski, Konrad Junghänel oder Michael Hofstetter, The English Concert, Les Arts Florissants, das Freiburger Barockorchester oder Il Pomo d’Oro. In diesem Jahr konzertiert Wey neben dem Windsbacher Knabenchor auch mit dem Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki. Für die Zeitschrift FonoForum ist er schlicht einer der Besten seines Fachs.
 
Seine Liebe gilt vor allem der Alten Musik. Wey gründete das Vokalensemble Cinquecento, mit dem er für das Label Hyperion allein zehn CDs eingespielt hat. Außerdem trat er mit führenden Ensembles wie dem Huelgas Ensemble oder Weser-Renaissance auf. Die Diskografie des Countertenors ist beachtlich: Unter anderem wirkte er in Einspielungen von Bachs Weihnachtsoratorium, der Johannespassion und der h-moll-Messe mit und ist auch in einer rekonstruierten Version einer Markus-Passion zu hören. Besondere Beachtung fand die Aufnahme des „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi, erschienen 2011 bei Oehms Classics, denn hier singt Terry Wey zusammen mit seinem Kollegen Valer Barna-Sabadus, der die Sopranpartien gestaltet. In diese Aufnahme kann man übrigens im Internet reinhören.
 
Über Wey schrieb der begeisterte Kritiker eines Konzerts im Rahmen von RheinVokal, wo auch die Windsbacher bereits gastierten: „In Hasses ‚Salve Regina‘ ist er jederzeit mit schlankem Ton präsent, dem es nie an ergreifender Kraft gebricht. Federleicht durchschreitet er die vier Sätze dieses Werkes und gebraucht seine Stimme virtuos als Instrument, das sich naht- wie mühelos in den Klang des exzellent musizierenden Neumeyer Consorts einfügt, mit ihm verschmilzt und sich wieder galant aus der tonalen Umklammerung löst.“ Mit Barna-Sabadus sang Terry Wey im Dezember 2014 beim Rheingau Musik Festival auch Bachs Weihnachtsoratorium und erntete erneut eine famose Kritik: „In der schmalen Besetzung des Orchesters spiegelten sich der Sopranus von Valer Barna-Sabadus und der Altus von Terry Wey konturenreich; in beiden Organen verschmelzen knabenhafte Wendigkeit und männliche Präsenz. Die Sänger begeistern mit schlankem Ton, musikantischem Zungenschlag und leuchtend hellem Klang – wunderbar!“
 
Über Weys Gesang in der Opernproduktion von Nicola Antonio Porporas „Polifemo“ im Rahmen der Schwetzinger Festspiele 2012 hieß es in einer Rezension: „Das Timbre seiner Stimme ist hinreißend und bleibt auch in der Höhe angenehm und schön gefärbt. Selbst die Spitzentöne sind rund und seidig, weisen keinerlei Schärfe auf. Die Stimme verengt sich nicht.“ Weitere Pressestimmen bezeichnen ihn als „sensitiven Legato- und Schwebetonweltmeister“, loben seinen „atemberaubenden Stimmumfang“ sowie seine „traumhaft sichere Stimmtechnik“ und einen „betörenden Klang“ oder schreiben über ein „seraphisches Leuchten das man so samtig nicht alle Tage von einem Countertenor hört“.
 
Neben den vielen tollen Erfahrungen, die die jungen Sänger des Windsbacher während ihrer Zeit im Chor machen dürfen, gehört sicher auch das gemeinsame Musizieren mit so brillanten Künstlern wie Terry Wey.
 
Vier Mal singt der Knabenchor Händels „Messiah“: am 15. Dezember in Eindhoven, am 17. in Nürnberg, am 18. in Ansbach und am 19. in München. Informationen zum Kartenverkauf finden sich hier.