128-stimmig in die neue Saison

NÜRNBERG (27. September 2018). Der Knabenchor hat viel vor in der kommenden Saison. Und er hat viel erlebt in den vergangenen Monaten. Außerdem begrüßen die Windsbacher mit Claudia Brinker eine neue Chormanagerin. Es gab also einiges zu berichten im Verlauf des Pressegesprächs, zu dem man nach Nürnberg eingeladen hatte.

Anfangs blickte Chorleiter Martin Lehmann auf die vergangenen Monate zurück: Da war zum Ende der Saison die Tournee, in denen sich die Windsbacher mit der selten musizierten Kantate 43, dem Himmelfahrtsoratorium und der Motette „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ einem reinen Bach-Programm gewidmet hatten. Anstelle der aus organisatorischen Gründen abgesagten Konzertreise in den Oman war der Chor um Pfingsten erneut nach China aufgebrochen. Konzerte in der ganzen Bundesrepublik, natürlich auch in der mittelfränkischen Heimat prägten den weiteren Konzertplan.
 
Chorzentrum bald fertig
Zuhause, auf dem Campus des Sängerinternats in Windsbach, war es die immer weiter voranschreitende Sanierung des Chorzentrums: Mittlerweile probt man wieder im – nun neuen – großen Chorsaal. Die Renovierungsarbeiten sind in der Endphase, vier größere Probenräume im Untergeschoss sind noch fertigzustellen. Wenn alles nach Plan läuft, wird auch dies Anfang des kommenden Jahres erledigt sein. Martin Lehmann betonte, dass die Realisierung dieses 2,6 Millionen Euro teuren Umbauprojekts nicht nur ein Bekenntnis der Evangelischen Landeskirche und des Freistaats Bayern zum Windsbacher Knabenchor sei; beide haben einen Großteil der Kosten geschultert: Gerade auch die Drittmittel – Spenden in Höhe von rund 360.000 Euro – hätten bewiesen, wie viele (großzügige) Freunde der Spitzenchor habe.
 
Doch damit er singen kann, braucht es begeisterte Jungs mit guten Stimmen, sprich Nachwuchs. Der ist laut Chorleiter auch dank der intensiven Arbeit der Klangfänger konstant. Zu den Vorsingterminen in Windsbach hatten sich 65 Knaben vorgestellt, von denen 36 als geeignet angenommen wurden und letztendlich 22 neue Sänger in den Knabenchor eingetreten sind. Aktuell bestehen die Windsbacher aus 128 Chorsängern, von denen 97 im Internat leben; 28 Tagesheimschüler und drei externe Sänger komplettieren den vokalen Klangkörper.
 
Neben den Klangfängern ist Schulscout Bernd Lang in den mittelfränkischen Grundschulen stets auf der Suche nach stimmlich talentierten Knaben. Zu den Bemühungen um potenziellen Nachwuchs zählte auch ein Konzert vor rund 600 Grundschülern in Nürnberg, das die Windsbacher in der vergangenen Saison (bereits zum vierten Mal) als Kooperationsprojekt mit der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität veranstaltet hatten, um Kindern das Singen und die Arbeit des Knabenchors vorzustellen. Dass man hier keine sofortigen Bewerbungen erzielen konnte, sieht Lehmann realistisch: „Es geht darum, Kinder auf uns aufmerksam zu machen. Und auch deren Lehrer zu sensibilisieren, begabte Schüler und deren Eltern auf unser Angebot hinzuweisen.“ Die derzeit an den vier Standorten Rothenburg, Pappenheim, Nürnberg und Windsbach erfolgreiche Arbeit der Klangfänger plant man übrigens auf weitere Standorte – konkret denkt man an Würzburg und Hof – auszuweiten.
 
„Knabenchöre sind wichtiges Element der Kinder- und Jugendbildung“
Um zu erfahren, wie andere Knabenchöre die Nachwuchsgewinnung angehen, sich um Sponsoren kümmern, das Stiftungswesen handhaben oder sich um öffentliche Gelder bemühen, möchte Martin Lehmann die Vernetzung mit anderen Ensembles dieser Art vorantreiben: „Es geht darum zu zeigen, dass Knabenchöre kein Nischendasein führen, sondern als wichtiges Element der Kinder- und Jugendbildung wahrgenommen werden.“ Auch falle die künstlerische Seite bei Jungs zu oft hinten runter. Kinder, die im Windsbacher Sängerinternat und ähnlichen musikalischen Einrichtungen ausgebildet würden, verfügten in der Regel über eine beachtliche Sozialkompetenz: „Unsere Absolventen sind in Studium und Ausbildungsberufen geschätzte Partner.“
 
Für etwas Entspannung bei den Jüngsten wird die Umstellung zur neunjährigen gymnasialen Schullaufbahn sorgen, die den Schülern der fünften und sechsten Klasse ab diesem Jahr Entlastung beim Nachmittagsunterricht beschert. Eine kleine Randnotiz noch: Wenn Martin Lehmann im Sommer 2019 die Abiturienten verabschiedet, verlassen damit die letzten Windsbacher den Chor, die noch unter Vorgänger Karl-Friedrich Beringer vorgesungen und erste Proben absolviert haben.
 
„Messiah“ von Händel in englischer Originalsprache
Als Highlights der neuen Saison nannte der Dirigent die Aufführung des „Messiah“ von Händel in englischer Originalsprache im Dezember, adventliche Konzerte unter anderem an herausragenden Spielstätten wie dem Dresdner Kulturpalast oder dem Nikolaisaal in Potsdam sowie Auftritte zur Internationalen Orgelwoche Nürnberg (ION) und zur Bachwoche Ansbach. Im kommenden Jahr steht auch die Aufnahme einer CD mit A-cappella-Stücken auf dem Programm: Werke aus verschiedenen Jahrhunderten sollen hier das Thema „Geist“ beleuchten.
 
Für das Händel-Oratorium konnten die Windsbacher unter anderem die Akademie für Alte Musik Berlin und den renommierten Countertenor Terry Wey engagieren. Just am Tag der Pressekonferenz begann in Windsbach eine dreitägige Coaching-Phase, in der der Chor von Stewart Emerson, Professor an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler, intensiv auf die möglichst perfekte Aussprache des Englischen vorbereitet wird.
 
Ein für die Windsbacher und die Bürger der Stadt Nürnberg wichtiges Datum ist der 12. Oktober: Dann findet in St. Lorenz die 500. Motette statt. Lehmann zeigte sich hocherfreut und beeindruckt von dieser „stabilen Tradition“, die der Knabenchor mit seinem Gründer Hans Thamm am 18. Juni 1955 ins Leben gerufen und in den 72 Jahren seines Bestehens gepflegt habe: „Die Kirche ist immer voll – höchstens in den Wintermonaten Januar und Februar bleiben einige Plätze kältedingt leer.“ Das wird am 12. Oktober definitiv nicht der Fall sein, obgleich man hier ganz bewusst keine Jubiläumsfeier veranstaltet, sondern das Augenmerk wie stets ganz auf die Verkündigung durch die Verbindung von Wort und Musik richten wird. Im Anschluss bittet der Freistaat Bayern, vertreten durch Innenminister Joachim Herrmann (CSU), dann geladene Gäste zu einem Empfang im nahen Heimatministerium.
 
Neu an Bord: Claudia Brinker
Obwohl es heißt „Ladies first“, ging es im Verlauf der Pressekonferenz natürlich in erster Linie um die Knaben- und Männerstimmen des Chores. Um im Englischen zu bleiben, stellte Martin Lehmann „last but not least“ mit Claudia Brinker die neue Managerin als Nachfolge von Delf Lammers vor. Die gebürtige Bielefelderin arbeitete zuletzt als Direktorin der Staatskapelle Halle; weitere Stationen führten sie nach dem Studium der Musikwissenschaft in Marburg und Bologna sowie des Kulturmanagements in Weimar und Hamburg unter anderem zum Sinfonieorchester Wuppertal, wo sie in der Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit wirkte, in das Künstlerische Betriebsbüro der Wuppertaler Bühnen sowie in die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings der Internationalen Bachakademie Stuttgart. In Windsbach wird Brinker ihre Arbeit in Festanstellung offiziell zum 1. Oktober antreten und freut sich nach eigenen Angaben auf die neuen und spannenden Aufgaben. Die Magazin-Redaktion wird Claudia Brinker nach der für die Windsbacher besonders arbeitsintensiven Advents- und Weihnachtszeit mit einem ausführlichen Interview vorstellen.