„Ein Kreis hat sich geschlossen“

MAINZ (20. September 2018). Bis 1996 war der Tenor Christian Rathgeber selbst Mitglied des Windsbacher Knabenchors. Er verließ das Internat, beendete seine schulische Laufbahn in Hessen und absolvierte erfolgreich eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Dann kam er zurück zur Musik, studierte Gesang und wirkt seitdem äußerst erfolgreich als Sänger von Profichören und Solist. In dieser Funktion kam es nun zu einer spannenden Kooperation mit dem Knabenchor.

Ein Jahr war er selbst Männerstimme der Windsbacher – nun durfte er, wie die anderen Solisten auch, wieder im „Männerbus“ mitfahren. Es sind ganz verschiedene Eindrücke und Erinnerungen, von denen Christian Rathgeber im Rückblick auf das Bach-Projekt des vergangenen Sommers berichtet. Man trifft sich bei einem Kaffee und es war gar nicht so leicht, mit Rathgeber einen Termin zu finden: Der Sänger ist gefragt, ständig auf Achse. Kurz zuvor war er mit der Marienvesper von Monteverdi in Südafrika, sang Bach in Wiesbaden, Zelenka im Dom zu Havelberg. Im kommenden Jahr ist er mit dem Bach-Chor Siegen im Rheingau Musik Festival zu Gast.
 
Gleich zwei ehemalige Windsbacher unter den Solisten
Zur Zusammenarbeit mit den Windsbachern kam es durch die Anfrage des damaligen Managers Delf Lammers. Der hatte offensichtlich die Karriere des heute 40-jährigen immer im Blick und engagierte ihn ohne Vorsingen. Bereut dürfte der Chor diesen Schritt kaum haben, denn die Konzerte unter anderem mit Bachs Himmelfahrtsoratorium sowie der Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“ in Passau, Bad Wilsnack, Nürnberg und Eisenach waren jeweils große Erfolge – auch dank der anderen Mitwirkenden, den Deutschen Kammervirtuosen sowie den Solisten Magdalene Harer (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt) und Julian Orlishausen (Bass), wie Rathgeber übrigens auch ein früherer Windsbacher.
 
Für den Tenor hat sich in den vergangenen Monaten gleich doppelt ein Lebenskreis geschlossen: Unter der Leitung des früheren Künstlerischen Leiters des Knabenchors, Karl-Friedrich Beringer, sang er im Dezember 2017 als Solist Bachs Weihnachtsoratorium in Russland und nun, unter dem Dirigat Martin Lehmanns, erstmals in gleicher Funktion mit den Windsbachern. Ein „Heimkommen“ war es in seinen Augen allerdings nicht: Zum einen ist Rathgeber als Vorstandsmitglied des Ehemaligen-Netzwerks „Monte soprano“ ohnehin öfters in Windsbach, zum anderen hat sich dort in den vergangenen 22 Jahren doch einiges verändert – bautechnisch und personell.
 
Wobei: Als der Sänger in der Wäscherei im Keller höflich nachfragt, ob man ihm bitte seine Konzerthemden rasch bügeln könne, trifft er dort auf alte Bekannte des Hauspersonals und auch in der Küche gibt es noch Mitarbeiterinnen, die mit dem Namen Rathgeber durchaus etwas anfangen konnten – schließlich hatte die Familie mit Christian, Felix und Tobias gleich drei Söhne in Windsbach. Und alle arbeiten heute als Sänger.
 
„Der Chor klingt phantastisch!“
Rathgeber schwärmt: „Mit den Windsbachern zusammen konzertieren zu dürfen hat sehr viel Spaß gemacht und war etwas ganz Besonderes. Der Chor klingt phantastisch, Martin Lehmann arbeitet hochkonzentriert und doch hat der Chorklang etwas Entspanntes, Weiches und Rundes.“ Und er benutzt noch ein weiteres Wort: Highlight. Wenn man bedenkt, mit welchen Hochkarätern der Tenor zeitweise unterwegs ist, darunter der Balthasar-Neumann-Chor unter Thomas Hengelbrock, dann können die Windsbacher ob dieser Einschätzung des Erlebten durchaus stolz sein.
 
Profi-Niveau haben die Windsbacher in Rathgebers Augen allerdings nicht nur im Musikalischen: „Alles war top organisiert – vom Versenden des Tourplans über die Fahrten, die Organisation vor Ort, Hotels, Essen, Pausen. Und wie sich die Knaben- und Männerstimmen benehmen! Alles sind super-freundlich und höflich.“ Nur das „Sie“ hat sich Rathgeber schnell verbeten. Beeindruckt hat ihn auch, dass einige Männerstimmen während der Proben seiner Arien im Zuschauergestühl des Chorsaals saßen und in der Partitur mitlasen: „Die sind wirklich an der Musik interessiert und das merkt man dann auch am konzertanten Ergebnis.“ Dass vor allem die Knaben hier alles auswendig singen, findet der Tenor ebenfalls bemerkenswert.
 
Zwischenmenschliches Erlebnis
Auch zwischenmenschlich war die Tournee für Christian Rathgeber ein Erlebnis: das gemeinsame Reisen, das nette Miteinander, das Interesse der Sänger an ihm als Ehemaligen. Daher hofft er hier auf ein baldiges Da capo. Besonders beeindruckt hat ihn das Konzert in Bachs Taufkirche in Eisenach, denn als letzter Auftritt vor der Sommerpause erlebten die Abiturienten hier auch ihr letztes Konzert mit den Windsbachern als aktive Sänger. Die Zugabe – Rheinbergers „Abendlied“ – durften die Solisten im Chor mitsingen und als jeder Absolvent von „seiner“ Knabenstimme eine Rose bekam und umarmt wurde, da dürfte auch dem Solotenor ganz warm ums Herz geworden sein.
 
Überhaupt der Umgang der Choristen untereinander ist Rathgeber im Gedächtnis geblieben: „Diese Hierarchie, in der jeder weiß, wo er steht und was seine Aufgabe ist. Und sei es die Männerstimme, die im Bus den Kaffee kocht.“ Viel hat sich verändert seit er selbst Windsbacher war – schon allein, dass einige der Busse von Wellhöfer mittlerweile über Steckdosen und W-Lan verfügen (und daher natürlich sowohl von den Männer- als auch von den Knabenstimmen höchst begehrt sind). Eins aber ist übrigens noch wie früher: Der Busfahrer, der die Tenöre und Bässe während der Bach-Tournee chauffierte, saß auch schon am Chorbus-Steuer, als Christian Rathgeber selbst noch Sänger im Knabenchor war.