Mit Bruce Willis‘ Gegner auf der Bühne

WINDSBACH (27. November 2018). Eine Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes sowie einen Golden Globe hat der Windsbacher Knabenchor ja schon. Na ja, nicht ganz: 2009 und 2010 erhielt der Film „Das weiße Band“ diese Auszeichnungen neben vielen anderen – und für diesen hatten unsere Jungs damals immerhin zwei Choräle eingesungen. Im Weihnachtskonzert am 7. Dezember im Potsdamer Nikolaisaal treffen Martin Lehmann und seine Sänger erneut auf das „Celluloid-Gewerbe“: Dann trägt der Schauspieler Sebastian Koch zum Chorgesang passend adventliche Texte vor.

Auch Koch ist preisgekrönt und erhielt erst jüngst den Bambi in der Kategorie „Bester Schauspieler“. Die Jury sah ihn in „Werk ohne Autor“, einer ARD-Degeto-Produktion, „auf dem Höhepunkt seines schauspielerischen Könnens“. Der Film von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck geht auch als deutscher Vorschlag als „Bester fremdsprachiger Film“ bei den Academy Awards 2019 ins Rennen. Und zumindest nominiert war „Das weiße Band“ 2009 hier ja ebenfalls.
 
Die Geschichte von „Werk ohne Autor“ beginnt im Jahr 1937 und reicht bis in die 1960er Jahre. Der Film ist ein bildgewaltiges, beeindruckendes und generationenübergreifendes Epos: Beruhend auf einer wahren Begebenheit erzählt er vom dramatischen Leben des Künstlers Kurt (Tom Schilling) und seiner leidenschaftlichen Liebe zu Elisabeth (Paula Beer) sowie dem folgenschweren Verhältnis zu seinem undurchsichtigen Schwiegervater Carl Seeband (Sebastian Koch), einem SS-Obersturmbannführer und glühenden Verfechter der Nazi-Ideologie. Dessen wahre Schuld an den verhängnisvollen Ereignissen in Kurts Leben kommt letztlich in dessen Kunst und seinen Bildern ans Licht.
 
Weit weniger dramatisch, sondern vielmehr besinnlich wird es in Potsdam zugehen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Windsbacher Knabenchor mit namhaften Rezitatoren auftritt. Am Tag vor dem Konzert in Potsdam stehen die Jungs im Dresdner Kulturpalast gemeinsam mit dem Politiker Gregor Gysi auf der Bühne; und in früheren Jahren konnte man den Chor mit der Schauspielerin Cornelia Froboess sowohl im Konzert als auch im Bayerischen Fernsehen erleben.
 
Der 56-jährige Sebastian Koch ist einer der gefragten deutschen Charakterdarsteller auf der Leinwand, im TV und auf der Bühne. Ursprünglich wollte der Mime Musiker werden, doch Theaterbesuche machten ihn neugierig und weckten den Berufswunsch Schauspieler. 1982 erhielt er einen Platz an der renommierten „Otto-Falckenberg-Schule“ in München, die er bis 1985 besuchte. Bald machte er sich einen Namen in der deutschen Theaterszene: In Darmstadt spielte er eine der Titelrollen in Georg Büchners „Leonce und Lena“, in Berlin war er in Friedrich Schillers „Die Räuber“ und Johann Wolfgang von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ zu sehen.
 
Seinen ersten Fernsehauftritt hatte Koch bereits 1980 in einer Folge der Krimi-Serie „Derrick“, gefolgt von einem Gastspiel im München-„Tatort“ mit TV-Kommissar Helmut Fischer. Weitere Krimis und Thriller folgten, bis Koch 1997 die Rolle des RAF-Terroristen Andreas Baader im zweiteiligen Doku-Drama „Todesspiel“ von Heinrich Breloer übernahm. 2002 gewann er für seine schauspielerischen Leistungen in „Der Tanz mit dem Teufel – Die Entführung des Richard Oetker“ und in der Familienchronik „Die Manns“ (für seine Darstellung des Klaus Mann) jeweils einen Grimme-Preis. Der Dreiteiler erhielt 2002 als „Fernsehereignis des Jahres“ den Deutschen Fernsehpreis und Koch den Bayerischen Fernsehpreis.
 
Der Mime spielte schon mit vielen anderen namhaften nationalen und internationalen Kollegen, darunter Martina Gedeck, Ulrich Tukur und Christoph Waltz, Catherine Deneuve, Diane Kruger, Gérard Depardieu, Liam Neeson oder John Malkovich. Koch gab auch den Gegenspieler von Bruce Willis in „Stirb langsam V“ und überzeugte als Darsteller durchaus schwieriger Charaktere wie der des KZ-Kommandanten Rudolf Höß in „Amen – Der Stellvertreter“ oder von NS-Architekt Albert Speer in „Speer und er“. Seine Rolle in „Werk ohne Autor“ bezeichnet er selbst als „Ungeheuer“.
 
Wie in diesem Film führte Florian Henckel von Donnersmarck auch in „Das Leben der Anderen“ Regie und schrieb das Drehbuch dafür. Dieser Film über die Bespitzelung durch die Stasi in der DDR wurde 2007 mit dem Oscar ausgezeichnet, erhielt den BAFTA-Award, den César sowie den Deutschen Filmpreis und den Europäischen Filmpreis. Koch selbst wurde für seine Leistung gerade in diesem Film mehrfach nominiert und erhielt unter anderem einen Bambi sowie den Globi d’oro als „Bester Europäischer Schauspieler“. Trotz internationaler Nachfrage steht der Mime auch gerne in seiner Heimat vor der Kamera und sagte in einem Interview: „Ich drehe sehr gern in Deutschland. Das ist nun mal meine Sprache. Wenn mir ein gutes Drehbuch angeboten wird, ist das nach wie vor der Favorit. Ich halte sogar mehr denn je Ausschau nach deutschen Projekten.“
 
Eine Parallele zur Mitwirkung als Rezitator in Konzerten wie jetzt mit dem Windsbacher Knabenchor findet sich auch in Kochs Wirken als Sprecher von Hörbüchern und Live-Aufführungen: Mit Martina Gedeck las er in „Schumann – Szenen einer Ehe“ den Briefwechsel zwischen Clara und Robert Schumann und begleitet vom argentinischen Bandoneon-Virtuosen Roberto Russo trug er Auszüge aus „Der Spieler“ nach Fjodor M. Dostojewski vor. Der Schauspieler selbst beherrscht laut seiner Agentur das Spiel auf Gitarre und Trompete.
 
Ein bestimmtes von Kochs früheren Engagements weist im übertragenen Sinn auch noch einmal auf Windsbach hin: In der Neuverfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ spielte der gebürtige Karlsruher 2003 die Rolle des „Nichtrauchers“. Und Anfang Ende der 1980er Jahre diente der Roman auch als Vorlage für ein Filmprojekt im Sängerinternat – die Rolle des sympathischen Waggonbewohners hatte damals übrigens Deutschlehrer Helmut Pfister übernommen, der sich aktuell in der Fördergesellschaft des Knabenchors um die Begleitreisen für Mitglieder kümmert.
 
Ein sehenswertes Portrait von Sebastian Koch ist bis zum 30. Juni 2019 in der ARD-Mediathek abrufbar.
 

[Foto: www.sebastiankoch.com, Mathias Bothor]